Mauersegler auf dem Küchentisch, Waschbär im Kinderzimmer und Turmfalke im Bad

Aufgeregt redet die kleine Rentnergruppe durcheinander. Nur widerwillig lassen sie ihre „Micky Maus“ zurück. Wehmütig wird noch ein letzter Blick auf den umringten Haustierkäfig geworfen. Der kleine Marder mittendrin. 

Von Anika Vogt

Anika Vogt (Abiturjahrgang 2014) nahm am Projekt „Jugend schreibt“ teil, die hier vorliegende Reportage erbrachte ihr den mit 500 Euro dotierten zweiten Preis beim "Magnesium-Preis", einem Reportagenwettbewerb der Agnes-von Hohenstaufenschule in Schwäbisch Gmünd.

„Mach's gut“, verabschieden sie sich, bevor sie die kleine Wildtierauffangstation verlassen. Eine der Rentnerinnen hatte ihn gefunden, da war er höchstens faustgroß. Daraufhin hat sie ihn mit nach Hause genommen und aufgezogen. Jetzt, wo er fast ausgewachsen ist, wollte sie ihn eigentlich selbst auswildern. Weil sie sich aber den Arm gebrochen hat, möchte sie, dass Frau Götz das übernimmt. Natürlich weiß diese, wie schwer es der Frau fällt, den Marder nun abzugeben. „Es ist immer schwer für die Leute, ein Tier aufzuziehen und dann wieder ganz sich selbst zu überlassen“, sagt Ela Götz mitfühlend. Deshalb habe sie in diesem Fall auch sofort gesagt: „Kein Problem, mach ich.“ 

Drei Sieger vom Rosenstein-Gymnasium beim Reportagenwettbewerb

Aus ganz Baden-Württemberg gingen 166 Beiträge für den fünften Magnesium-Preis der Agnes-von-Hohenstaufen-Schule in Schwäbisch Gmünd ein. Zu den vorgegebenen Themenbereichen „Ernährung, Gesundheit und Soziales“ konnten Reportagen erstellt werden. Dabei gingen die drei ersten Plätze an Schülerinnen und Schüler des Rosenstein-Gymnasiums: Adrian Pippert (1. Platz, 1500 Euro), Anika Vogt (2. Platz, 500 Euro) und Madeleine Hudelmaier (3. Platz, 250 Euro). Alle drei Schüler hatten im Rahmen des Deutschunterrichts am Wettbewerb teilgenommen. Im Beisein von Landrat Klaus Pavel wurden Preisgelder in Höhe von 3000 Euro vergeben. Der Siegerbeitrag von Adrian Pippert wurde auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.

Für die 42-jährige ist es keineswegs ein Problem, sich längere Zeit um ein wildes Tier zu kümmern und es dann wieder frei zu lassen, es macht ihr sogar richtig Spaß. „Ich hab immer wieder Freude daran, wenn ich sehe, dass sie überleben, was sie wahrscheinlich oft ohne meine Hilfe nicht tun würden und ich sie dann wieder erfolgreich auswildern kann“, sagt die etwas burschikos wirkende Frau lächelnd. Seit Anfang des letzten Jahres betreibt die dunkelhaarige Mutter einer elfjährigen Tochter nun offiziell eine kleine Wildtierauffangstation in Weiler in den Bergen bei sich zu Hause. Eigentlich war es schon immer ihr Traum, weil es im näheren Umkreis keine andere Wildtierauffangstation gibt und da sie jetzt die Zeit dafür hat.

„Warum also nicht“, stellt sie die Frage an sich selbst. Außerdem habe sie keineswegs erst jetzt damit angefangen. Sie mache das ja schon immer nebenher, doch nun hätten Tierheime und andere Tierschutzorganisationen ihre Telefonnummer und vermittelten die Tiere an sie. Voll Vorfreude schaut sie nun wieder auf den Neuzugang. Der kleine braune Marder wird immer aktiver und schaut mit seinen dunklen Knopfaugen interessiert durch die Gegend. „Ja, ich glaube das ist ein ganz Lustiger“, stellt Frau Götz begeistert fest, als er kopfüber an der Oberseite seines Haustierkäfigs hängt. „Ich mache ihm heute noch sein Gehege fertig, wo er dann auch mehr Platz hat.“ Dabei zeigt sie stolz auf eine große Voliere hinter sich, die an eine alte Scheune anschließt. Es sei gar nicht so einfach, für jedes Tier sofort ein Gehege zu haben, da man viele gar nicht zusammen lassen könne, gibt die Frau in schwarzen Leggins, rotem Top und pinken Flip-Flops zu. Damit spielt sie unter anderem auf das Wiesel an, dessen eigener Käfig auf der etwas erhöhten Terrasse steht und das sie nun zum Beispiel nicht mit dem Marder zusammen lassen kann. 

Deshalb verwandelt sich gerade der gesamte Garten in eine Landschaft aus Gehegen, Käfigen und Volieren. Hier kann dann begonnen werden, jedes Tier einzeln behutsam wieder auszuwildern. „Das machen wir dann erst mal hier in der Voliere, bis sie nicht mehr ganz so zahm sind. Dann wird irgendwann die Tür aufgemacht, aber gefüttert werden sie trotzdem noch hier, bis sie nach einiger Zeit nicht mehr zurückkommen“, erläutert die engagierte Frau. Natürlich laufe das bei jedem Tier ein bisschen anders ab. So könne sie den Marder wegen der Hühner nicht hier auswildern. Direkt am kleinen Bach, der das Grundstück abschließt, ist nämlich das Gehege der Wildenten, die als Küken in der Stadt gefunden wurden, sowie der Seidenhühner, die aber nur Privatvergnügen sind. Zurück auf der Terrasse geht’s ins Haus. Dort wird kurzerhand eine rote Kiste mit zwei Mauerseglern auf den Küchentisch gestellt. Die zwei Jungvögel fangen sofort an, zu schreien. Tochter Kiana, die inzwischen dazu gestoßen ist, meint: „Die schreien immer so, wenn sie Hunger haben und eigentlich haben sie immer Hunger.“ Das stört das aufgeweckte Mädchen aber keineswegs, sie hilft ihrer Mutter, wo immer sie kann. „Da sind wir sozusagen schon in der nächsten Generation“, sagt Frau Götz schmunzelnd, während sie die Heimchen, kleine Grillen, zum Füttern der Mauersegler aus dem Gefrierfach holt. 

Ihre Mahlzeit nehmen die beiden dankend entgegen, wobei sie tatsächlich nicht genug bekommen können. „Die fressen alles was kreucht und fleucht“, erklärt sie kopfschüttelnd, „Bremsen sind die besten Spenden. Fangen, einfrieren und vorbeibringen, ich brauch sie.“ Da die Mauersegler alle zwei Stunden gefüttert werden müssen, hat sie sie auch schon mit zur Arbeit genommen. Sie arbeitet zweimal wöchentlich beim Umweltschutzamt in Göppingen. Der Beruf sei perfekt, vor allem, weil sie die Tiere einfach so mitbringen könne. Ein anderer Arbeitgeber würde wahrscheinlich sagen: Auf keinen Fall. Aber so verläuft das reibungslos. Die Routine mache vieles einfacher, gerade weil sie es schon so lange nebenher mache, würde der Stress weitestgehend aus bleiben. Ihr Wissen hat sie sich selbstständig durch Bücher oder das Internet angeeignet. Doch in einem Punkt ist sie sich sicher: „Am meisten lernt man durch die Erfahrung selbst, auch durch Fehler.“ Mittlerweile waren schon die verschiedensten Tiere zu Gast, von Fledermaus, über Spechte und Igel, bis hin zu einem Waschbär. Wobei das mit dem Waschbär zum Schluss nicht mehr so einfach war: „Der hat Schubladen ausgeräumt und im Kinderzimmer Spielsachen geklaut. Naja, der hat sich dann irgendwann selbst ausgewildert“, erzählt Frau Götz mit gemischten Gefühlen. „Oder der Turmfalke“, erinnert sich Kiana, „dem haben wir Äste ins Bad geschraubt.“ Während sie in ihrem lila Kleid vor dem Terrarium der eigenen Vogelspinne sitzt, fällt der Blick ihrer Mutter in eine andere Ecke des Raumes. Der Käfig der Ratten, die sich dort in allen Farben, auf mehreren Etagen tummeln, ist ein richtiger Blickfang. Die Ratten sind im Gegensatz zu den wilden Tieren zahm und gehören, genauso, wie die Kornnattern, deren Terrarium beim weiteren Betrachten des Raumes ebenso auffällt, zum Privateigentum. „Die kann ich jetzt aber nicht herausholen, weil sie gerade Eier legen“, entschuldigt sich die tierbegeisterte Frau schon fast. Gefüttert werden die Schlangen, wie viele der Wildtiere auch, mit Mäusen. 

Da man, wie sie meint, Lebendfutter nie genug haben kann, hat sie im Keller eine Art Mäusezucht. Doch sie gibt selbst zu: „Da bestimm ich nix mehr, da sag ich bloß: Macht.“ Bei so vielen Tieren ist man angebunden. Deshalb ist die Tierschützerin umso glücklicher, dass es auch ihren Ehemann nicht stört. Denn sie gibt zu: „Urlaub können wir so gar nicht machen.“ Aber das mache ihnen eigentlich auch nichts aus. Die Arbeit mit den Tieren sei so abwechslungsreich und schön, dass sie gerne auf den Urlaub verzichteten. Das Besondere und Reizvolle sieht die engagierte Frau vor allem in dem Moment, wenn sie sieht, dass die Tiere überleben und erfolgreich ausgewildert werden können. „Der Mensch tut der Natur so viel an, wofür die Tiere gar nichts können. Dagegen möchte ich gerne ein Bisschen was tun“, erläutert sie lächelnd ihre Motivation. Dass das Interesse immer stärker wächst, je bekannter ihre Wildtierauffangstation wird, bestärkt sie nur noch mehr. Doch nicht nur auf die vielen Tiere, die sie hoffentlich noch kennenlernen wird, freut sie sich, sondern auch auf die unterschiedlichen Menschen: „Jeder Mensch, der ein Tier bringt, ist anders. Interessiert und freundlich sind eigentlich alle, aber jeder hat eben seine ganz eigene Geschichte, Mensch, wie Tier.“

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