Solidarität im Alter

Die Europa-Woche wurde in Baden-Württemberg mit einer Preisverleihung im Staatsministerium in Stuttgart eröffnet. Seit sechs Jahren ergänzt ein Landeswettbewerb, der Oberstufenschüler auffordert, eine „Rede über Europa" zu verfassen, den seit knapp sechzig Jahren existierenden Europa-Wettbewerb. Von den 15 begehrten Geld-Preisen gingen vier an Heubacher Gymnasiasten, an Kristina Tischler, Jasmin Schmitz, Verena Koch und Lea Schwegler. Wir bringen Auszüge aus der preisgekrönten Rede zur vorgegebenen Fragestellung: Kann „Aktives Altern“ als ein Schlüssel zum Erhalt der Solidarität zwischen den Generationen dienen?

Von Kristina Tischler

Kristina Tischler (Abitur 2013)   nahm am Landeswettbewerb Europa teil und ist eine der Preisträgerinnen.

(...) Viele freuen sich auf den lang ersehnten Ruhestand. Im ersten Zeitabschnitt in der Rente fühlt man sich wohl, man hat Zeit Dinge zu erledigen, für welche man sich früher nie die Zeit nehmen konnte. Aufgeschobene Dinge werden erledigt, Freunde werden besucht, es wird rumgereist. Und nach dem man alles erledigt hat, was man wollte, kommt eine sich endlos dahinstreckende Leere.

Der Neurobiologe Professor Gerald Hüther schreibt: „Die gefühlte Sinnlosigkeit und das Gefühl des Nicht-gebraucht-Werdens schlagen brutal zu. Diese psychische Belastung führt leicht zu einem unkontrollierbaren Dauerstress, der mit Ohnmachtsgefühlen und Hilfslosigkeit einhergeht.“ 

Treffender könnte man die Situation nach einer Weile des Nichtstuns nicht beschreiben. Ich kann darüber nicht nur spekulieren, sondern aus Erfahrungen berichten. Ich selber arbeite, wie der Zufall es gerade will, in dem Altersheim St. Ludwig der Stiftung Haus Lindenhof in Schwäbisch Gmünd. Am Wochenende helfe ich als Aufwandsentschädigung aus. Ich bin für die Mahlzeiten und die Zimmer zuständig. Viele der zu betreuenden Bewohner leiden unter Demenz. Letztes Jahr kam ich ins Zimmer von der 71 jährigen Frau Kohler (Name geändert) und brachte ihr frische Wäsche für die Woche. Beim Einräumen fragte ich die verstörte, dürre, alte Dame nach ihrer Laune. Als Antwort bekam ich ein röchelndes: „Ich kann nicht mehr, ich will sterben.“ 

Landeswettbewerb Europa

Die Preisträger Jasmin Schmitz, Kristina Tischler, Verena Koch (von links, Lea Schwegler fehlt), umrahmt (von links) von Rainer Wieland, Dr. Helmut Rössler, Prof. Dr. Christian Steger und Ministerialdirektor Stehle.

Unter einem Wasserfall von Krokodilstränen war ich komplett mit der Situation überfordert und setzte mich neben sie. Ich fragte nach Gründen und versuchte ihr klarzumachen, dass man so etwas Schreckliches doch nicht behaupten könne. Sie meinte, dass sie keinen Sinn mehr darin sehe, jeden Tag das gleiche zu tun, das gleiche zu sagen und die gleichen Dinge zu sehen. „Die Welt hot koin Nutzen mehr von mir!“ sagte sie in sich gesackt. Und so saßen wir nebeneinander, weinend. Sie erzählte mir von ihrer Zeit als Sekretärin in einem kleineren Betrieb. Ich erinnere mich noch genau an ihren Satz: „Die hamm mich entlassen, weil ich zu alt und vergesslich  gworra bin.“ Und mir ist in genau dem Moment aufgefallen, dass ich noch niemals ein unglücklicheres Gesicht gesehen hab. Frau Kohler hat keine Kinder und wohnt schon seit einigen Jahren im Heim. Ich werde den Moment nie vergessen als sie meine Hand nahm und gesagt hat, dass ich bis jetzt ihr erster richtiger Gesprächspartner war, seit sie im Heim ist. Ich war die erste, die zuhörte. Nun gut, wahrscheinlich war ich eine, die Zeit dazu hatte. Seit diesem Tag werde ich von ihr immer mit „Guten Tag Fräulein Tischler“ begrüßt. 

Auch die Menschen, die pflegebedürftig geworden sind und keine Angehörigen haben, die sie versorgen können, sollen nicht verwahrt, sondern gefordert und gefördert werden. Die Autonomie des selbstbestimmten Lebens soll dabei maximiert werden. 

Bekanntlich herrscht in Deutschland Fachkräftemangel und in diesem Berufsfeld besonders. Ich weiß von meiner Mutter, die selbst als Fachkraft in derselben Stiftung tätig ist, dass in den letzten Jahren sehr am Lohn der Pfleger gespart wird. Der Beruf sollte für mehr Menschen attraktiv werden. Die Politik ist dabei gefragt, dieses Berufsfeld zu fördern. Im Zuge des Jahres für aktives Altern sollen alle Faktoren beleuchtet werden, die zu einem aktiven Altern beitragen. Die Bewohner sollen angemessen versorgt und behandelt werden. Es gibt Aktivitäten im Heim, einige sogar. Meiner Meinung nach wären Kontakte zu anderen Menschen, zu alten Freunden, zu Jüngeren viel wichtiger. Nicht nur die Löhne der Pfleger sollen wieder erhöht werden, sondern auch jüngere, beispielsweise Schüler, sollten die Erfahrung gemacht haben, in einem Alten-, Senioren- oder Pflegeheim mitgewirkt und mitgeholfen zu haben. In der Realschule gibt es ein solches Konzept. Eine Woche lang läuft die Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung unter dem Namen „Soziales Engagement“. Besonders bezogen auf Einrichtungen für Ältere kann eine solche Erfahrung  die Konflikte, Vorurteile und abstrakt gesehene Ferne zwischen den Generationen beseitigen. Partnerschaften zwischengenerationell betrachtet bereichern beide Seiten mit Mengen an unbezahlbarer Information, die keine Enzyklopädie parat hat. Menschlich nahegehende Geschichten der Zeitzeugen sind außerdem interessanter, als jedes Geschichtsbuch der Welt.

(...) Die Rentner  im Ruhestand dürfen nicht im Ruhezustand verweilen. Das aktive Altern hört nicht mit dem Ruhestand auf, es geht über den Rahmen einer Beschäftigung hinaus. Hinzu kommen weitere Aspekte, wie die Anpassung eines Arbeitsplatzes, für ein situationsbedingt angenehmeres Arbeiten. Die Renten- und Steuersysteme sollten an dieser Stelle schleunigst überarbeitet werden. Leben heißt Lernen, sagte einamal einer der Hauptvertreter der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie), Konrad Lorenz. Es muss auch Rentnern zugänglich gemacht werden, neue Dinge zu lernen. 

Wieso nicht mit 60 anfangen Klavier zu spielen zu lernen oder Italienisch-Kurse besuchen? Um die Kluft zwischen den Generationen zu schließen bedarf es einiger Anstrengung. Man muss beispielsweise die soziale Teilhabe fördern. Wieso keine Mehrgenerationenprojekte anpacken? In der Grundschule hatten wir das „Jakobsweg-Projekt“. Im Sommer wurde der Jakobsweb, der auch durch Heuchlingen, meinen Wohnort, geht, ausgebaut. Schulklassen, Eltern und Großeltern waren dabei. Jeder hat mitgemacht, jeder hat sich gegenseitig geholfen. Man lernt voneinander und lustigste Geschichten kommen beim Arbeiten aus der Runde und man ist am Ende des Tages ein bisschen schlauer und aufgeschlossener. Ich muss immer noch lächeln, wenn ich vom Sportplatz nach Hause an dem Täfelchen mit den Teilnehmer-Namen vorbeilaufe. Mehr kulturelle und soziale Aktivitäten, die alle Generationen ansprechen, sollte es geben. Mehrgenerationenhäuser gibt es mit dem Anfang der Industrialisierung immer weniger. Durch die Pflegedienstleistung fiel die Betreuung der Eltern weg und man hatte Zeit zu Arbeiten. Schade eigentlich, dass man solche Generationenhäuser selten antrifft. Die Vorteile dieser, müsste ich hier wohl kaum erläutern.

Warum sollte ein ehemaliger Sportakrobatik Weltmeister nicht als Trainer wichtige Tipps und Hilfestellung für die jungen Sportler anbieten? In meinem Sportakrobatikverein in Aalen, kommen oft ehemalige Sportler zu Besuch. Auch wenn sie nur danebenstehen und einen Tipp geben. Man zieht einen gegenseitigen Nutzen. Beide Seiten werden gebraucht und respektiert. Und das ist der springende Punkt. Wenn man merkt, dass man gebraucht wird. Von Vereinen lebt die Demokratie. Das Ehrenamtskonzept soll weitergeführt werden. Vorbildsfunktionen sind ein wichtiger Faktor zum Erhalt von vielen Verbänden. 

Allgemein stellt sich die Frage, wieso man im Ruhestand plötzlich aufhört Dinge zu tun, die man früher aus Herzblut getan hat, und zwar im Tausch gegen einen Zweitwohnsitz auf Mallorca. Die heutige Mentalität verleitet einen dazu das zu tun, was die meisten in ihrem Ruhestand tun – Nichts. Es ist an der Zeit Zeichen zu setzen und die Situation von Grund auf zu verändern. Eine Gesellschaft muss ein Ziel haben. Ein glückliches Zusammenleben.

Man darf unsere Gesellschaft im Prinzip nicht in Generationen teilen, man darf nicht sortieren, sondern muss das sie als Ganzes sehen. Als Basis für Handeln aller Art. Das Handeln aller muss ineinandergreifen, weil man Rücksicht auf die anderen nehmen muss.

Es kann sein, dass ich mich irre, es kann sein, dass meine Theorie nicht überall anwendbar ist, aber ich bin überzeugt, dass sie ein guter Ansatz wäre:

Ein Zitat von Franz Kafka lautet wie folgt: „Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“ Das „Schöne“ beziehe ich bei diesem Zitat auf das gute und profitable Zusammenwirken der Generationen. Wenn beide Seiten merken, dass sie keine verfeindeten Fronten, wegen des Funktionsausfalls des Rentensystems sind, sondern eine Einheit bilden. Erst dann ist ein Schritt Richtung Besserung getan worden. 

(...)

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