Alle Wege offen


Ein freundliches Lächeln, weiße Haare und den Blazer auf den Schultern steht er in der Eingangstür mit ausgestreckter Hand. Der deutsche Dramatiker Rolf Hochhuth bittet in seine kleine, gemütliche Berliner Wohnung. Umgeben von unzähligen Büchern und Papierstapeln sitzt er im Wohnzimmer mit zwei Assistentinnen und nippt an seinem Kaffee. 

Von Kristina Tischler

Kristina Tischler (Abitur 2013) besuchte Rolf Hochhuth im Juli 2012.

Geboren am 1. April 1931 in Eschwege gehört Rolf Hochhuth mit einundachtzig Jahren zu den ältesten und bekanntesten Schriftstellern Deutschlands. Obwohl er seine Schullaufbahn nur mit der Mittleren Reife abschloss und nur als Gasthörer an einer Universität war, ist er heute ein einflussreicher Schriftsteller. Er war schon früh am Schreiben interessiert, absolvierte eine Buchhändlerlehre und arbeitete in verschiedenen Buchhandlungen. „Besonders mochte ich Thomas Mann, seinen Bruder Heinrich Mann, Otto Flake und Jacob Burckhardt“, zählt Hochhuth. Er arbeitete schon in frühen Jahren als Lektor im Bertelsmann-Lesering und brachte seine Arbeiten in vielen Erzählanthologien und Werkausgaben ein. Wer Hochhuths Werke kennt, der weiß, dass viele sich mit den Geschehnissen des nationalsozialistischen Deutschlands auseinandersetzen. Er möchte die Wahrheit nicht nur ans Licht bringen, sondern sie allen zugänglich machen. Sein literarisches Debüt „Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel“ ist das Werk, das ihn international bekannt machte. Über eine Million iMal ist es allein in Deutschland bis jetzt verlegt worden. Er wurde nicht nur einer der erfolgreichsten Dramatiker des Theaters, sondern auch eine umstrittene Person, weil bei diesem Werk die Frage nach der Mitschuld der christlichen Kirche und des Papstes Pius XII. an der Judenverfolgung aufgeworfen wird.

„Als der Krieg vorbei war, war ich erst 14“, sagt Hochhuth mit kratziger Stimme. Er rückt seine lila Krawatte zurecht und legt die Arme auf der schwarzen Anzughose ab. 1980 wurde Hochhuth der Literaturpreis der Stadt München und des Verbandes bayerischer Verleger überreicht. Im selben Jahr erhielt er außerdem den Geschwister-Scholl-Preis für Literatur. Zehn Jahre und unzählige Theateraufführungen später bekam er als weitere Auszeichnung den Jacob- Burckhardt-Preis der Basler Goethe Stiftung und 2001er den Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache. Auf sein Engagement hin errichtete das Land Berlin ein Denkmal für Georg Elser. Hochhuth weist auf die Notwendigkeit hin, den Widerstandkämpfer zu ehren, der schon 1938, noch vor dem Krieg, Hitler zu beseitigen versuchte. Der freie Schriftsteller veröffentlichte neben Dramen auch Gedichte, Novellen, Erzählungen und zahlreiche Essays zur Geschichte. Mit abwinkender Handbewegung fügt er hinzu: „Mehr als drei Zeilen werden von Schriftstellern sowieso nicht mehr gelesen.“

In der Öffentlichkeit und Presse ist er auch durch seine radikalen Aussagen bekannt. Er bezeichnete David Irving, einen Leugner des Holocaust, als einen „fabelhaften Pionier der Zeitgeschichte“ und geriet unter starke Kritik. Obwohl Hochhuth sich später von seinen Aussagen distanzierte, lehnte die Deutsche Verlagsanstalt die Veröffentlichung seiner Autobiographie ab. Nach mehreren Klagen und einem Prozess sah sich Hochhuth finanziell bedroht. Er sollte 250 000 Euro Schadensersatz zahlen, weil er die dpa verunglimpft habe, indem er behauptete, sie habe die Einweihung des Georg-Elser-Denkmals nicht angekündigt. „Ich kann doch keine Viertelmillion beiseiteschaffen? Ich bin sehr vorsichtig. Das ist die Last des Alters. Man wird vorsichtiger. Was wollt ich jetzt sagen?“ Er unterbricht seine Erzählung, weist mit seiner Hand auf das schrill gefärbte Gebäck und sagt: „Och, Kinder esst doch was.“

Es fällt auf, dass er sich auch ohne Geschichtsstudium hervorragend in der deutschen Geschichte auskennt. Plötzlich dreht er seinen Kopf Richtung Holocaust-Denkmal, welches man aus seinem Wohnzimmer vollständig überblicken kann. Das Hochhaus in der Behrenstraße 1B ist praktisch das nächste Gebäude neben dem Denkmal. „Ich sehe aus meinem Zimmer Busse und Fußgänger zum Holocaust-Denkmal kommen, aber sie verweilen nicht lange bei den Juden, sondern länger beim Führerbunker. Beim kranken Hitler, diesem Ausländer. Das ist traurig.“ Von Altersmelancholie kann man dem reifen Schriftsteller jedoch nichts anmerken. Der Goldring glänzt am Finger. „Die Liebe baut Zelte, kein Haus.“ Er ist seit 2009 mit seiner vierten Frau, Johanna Binger, einer Buchhändlerin, verheiratet. Er habe eine wunderbare Jugend durch seine Eltern und Großeltern gehabt und auf die Frage hin, wie er die heutige Jugend und die „Generation Facebook“ einschätzt, antwortet er mit einem Schmunzeln. „Euch stehen alle Wege offen. Ihr habt unbegrenzte Möglichkeiten. Nutzt sie.“

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